Trageerschöpfung durch Bodenarbeit?

Dora mit Trageerschöpfung
Dora mit Trageerschöpfung
Dora, nach der ersten Behandlung.
Dora, nach der ersten Behandlung.

Vorweg: Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Artikel veröffentlichen soll. Es ist ganz klar nicht meine Absicht eine bestimmte Reitweise/ Trainer zu diskreditieren, sondern aufzuklären zum Wohle der Pferde.

Dora ist eine liebe, neunjährige Knabstrupperstute, ca 1,48 m groß und deutlich überbaut. Sie befindet sich nun seit zweieinhalb Monaten bei mir im Training. Die Stute wurde davor seit 4 Jahren nach akdemisch-barocken Grundsätzen gearbeitet, dabei befanden sich Pferd und Besitzerin durchgehend in Begleitung einer akademischen Trainerin. Im Alter von sieben Jahren wurde das Pferd langsam angeritten. Entsprechen der akademischen Grundsätze war die Stute am Boden in Hand-und Longenarbeit geschult bis hin zu den Seitengängen. Beim Reiten befanden sich Pferd und Schülerin noch an der Longe. Die Schülerin suchte mich schließlich auf, um Gründe für die Unrittigkeiten Ihres Pferdes herauszufinden.


Die erste Bestandsaufnahme zeigte eine deutliche Trageerschöpfung mit stark abgesenktem Rücken, schwachen Bauchmuskeln und herausgestellten Becken. Eine Trageerschöpfung ist der Oberbegriff für eine Disbalance in Skelett und Bewegungsmuskulatur des Pferdes, die sich in verschiedenen Krankheitsbildern und Rittigkeitsproblemen, schlechter Sattellage und fehlerhaftem Muskelaufbau zeigt. Aufgrund dessen war es der Stute nicht mehr möglich Last aufzunehmen um den Reiter gesund zu tragen. Die Besitzerin ritt die Stute allerdings eher selten und arbeitete sie viel in der akademischen Boden- und Handarbeit. Dieser Umstand zeigt, dass eine Trageerschöpfung nicht nur von falschem Reiten herrühren kann, sondern auch durch unpassende Bodenarbeit. Das ganze Ausmaß der Problematik zeigte sich letztlich auch darin, dass der angepasste Maßsattel nicht passte aufgrund des immer weiter absinkenden Rückens. Der Sattel sollte daraufhin erneut für 400€ verändert werden. Hier muss in aller Deutlichkeit gesagt werden, dass bei einem solch abgesekten Rücken kein Sattel mehr passend gemacht werden kann. Ziel meines Trainings war es daher den Rücken soweit „nach oben“ zu trainieren, dass der Maßsattel wieder passt und im Schwerpunkt liegt.

Dora, nach zwei Monaten Training.
Dora, nach zwei Monaten Training. Diesen Zustand kann sie noch nicht lange halten, sie fällt hin und wieder in ihr altes Erscheinungsbild zurück.

Nach der Bestandsaufnahme und einer ersten osteopathischen Behandlung, bei der der Rücken bereits deutlich nach oben geholt werden konnte, lag der Fokus im ersten Trainingsmonat auf Wiederherstellung der Zwanglosigkeit und Losgelassenheit an der Longe um den Rücken zu lockern und ihn zum Schwingen zu bringen. Die Herstellung von Takt, Lockerung der Halsbasis und einer Aktivierung der Hinterhand waren dabei inbegriffen. Im zweiten Monat wurde an der Arbeitshaltung an der Longe, d.h. dem Schließen der Hinterhand, gearbeitet. Schwerpunkt war die Förderung der Schub- und Tragkraft bei vermehrter Lastaufnahme und verbesserter Selbsthaltung (relative Aufrichtung). Dabei wurde kontinuierlich ein Wechsel des Schließens und Lösens vorgenommen. Frei nach Egon von Neindorff „ Jede Lektion, die nicht zugleich Schub- und Tragkraft fördert, verfehlt ihren Zweck ....

Dora nach zwei Monaten Training.
Dora nach zwei Monaten Training. Sattel liegt wieder im Schwerpunkt.

Anhand dieses Trainingspferdes möchte ich als Trainer, Dorn-Pferdeosteopath und Bewegungstherapeut einen Apell an Trainerkollegen und Reiter richten:

Wenn bei Trainingspferden nach einer bestimmten Zeit des Trainings keine Verbesserung der Bewegung und des Gesamterscheinungsbildes (Muskulatur, Trainingszustandes, Rücken etc) eintritt, sollte das eigene Trainingskonzept reflektiert und solche „Fälle“ an Trainer und Therapueten vermittelt werden, die Erfahrung damit haben. Es zeugt von eigener Stärke, wenn man die Grenzen seiner Fähigkeiten einschätzen kann und bei einer Verschlechterung über Monate Trainingspferde bzw. Schüler auch abgeben kann, wenn einem die Mittel und Wege für die Verbesserung der Situation fehlen.

Dora zwei  Jahre alt ohne Trageerschöpfung
Dora zwei Jahre alt ohne Trageerschöpfung

Es kann nicht oft genug festgestellt werden das das bloße Beibringen von Lektionen wie z.B. dem Schulterherein nicht zu einer zwangsläufigen Verbesserung des Bewegungsbildes führt. Keine Lektion ist ein Selbstzweck und kann ein Pferd heilen. So ist das Schulterherein die Aspirin der Reitkunst, aber was ist, wenn das Pferd gar keine Kopfschmerzen hat?

Gutes Training sollte das Ziel haben, das das Pferd sich in seinen Grundgangarten verbessert und dieses wird sich auch in dem Erscheinungsbild des Pferdes widerspiegeln. Ein Beispiel für eine gute Grundgangart sieht man im freien Schritt: dabei streckt das Pferd am langen Zügel/ Longe den Kopf und Hals länger und tiefer bei leichter Anlehnung. Das Pferd soll und darf sich strecken und die Schritte maximal verlängern. Dabei sollte es normalerweise mit den Hinterhufen mindestens zwei Hufbreite übertreten. Der freie Schritt dient dazu Muskeln und Gelenke zu lockern und die Durchblutung zu fördern, bevor das Training beginnt oder zum Entspannen nach einer Trainingseinheit.

Dies gilt für alle Reitweisen. Unabhängig ob Klassich, Fn, Legereté, Barock, Western oder Akademisch: Schablonendenken oder Lektionsreiterei führt nie zum Ziel.

Dora zwei Jahre alt ohne Trageerschöpfung.
Dora zwei Jahre alt ohne Trageerschöpfung.

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