Der aufrichtige Reitlehrer?

dimitri zara - reitunterricht
dimitri zara - reitunterricht

Pferde sind authentische Wesen und je authentischer Ihr Mensch ist, desto besser und einfacher gestaltet sich die Kommunikation und die Partnerschaft. Der Mensch kann in den Augen der Pferde nicht lügen, da sie ihn aufgrund seiner Körpersprache, der er sich meist wenig bewusst ist, wahrnehmen. Er kann sich jedoch widersprüchlich zeigen, indem er sich anders verhält als seine Körpersprache verrät. Forschungen haben gezeigt dass Tiere ein ausgeprägtes Empfinden für authentische Menschen haben. Menschen jedoch leben in der heutigen Zeit oft in einer gekünstelten Welt, in der Effekthascherei in sämtlichen sozialen Medien zunehmend an Wert gewinnt und Autentizität weniger wichtig erscheint.

Bezugnehmend auf die Reiterei bedeutet dies, dass sich viele Reiter oder Pferdemenschen eine Scheinwelt mit ihrem Pferd aufbauen. Sicher hat dieses Phänomen jeder schon einmal im eigenen Stall beobachtet: Frau X übt mit ihrem Andalusier Klickern und Kunststückchen und wägt sich in nahezu perfekter Harmonie, während der Außenstehende die Distanzlosigkeit des Andalusier und das Schnappen in die Kapuze von Frau X verwundert. In der Welt von Frau X existiert diese Beobachtung der anderen aber nicht-„die anderen wollen immer nur alles schlecht machen“.

Dieses Beispiel ist natürlich ebenso auf Reiter übertragbar. Es werden oft Reitlehrer gewählt, die den Reiter nicht zu stark in die Kritik nehmen, solche, die dem Reiter oft Recht geben und mehr zustimmen und loben als ihn zu korrigieren. Häufig wird auch beim Misslingen von Lektionen die Schuld dem Pferd gegeben, damit dem Reiter nicht das Gefühl vermittelt wird er hätte was falsch gemacht. An dieser Stelle kommen wir wieder zurück zu dem authentischen Menschen: ist in der heutigen „mehr Schein als Sein Realität“ die künstliche Blase wichtiger als echtes Können? Eine Knopfdruckmentalität a la Instagram, facebook und twitter wird zunehmend auf die reale Welt übertragen. So wird vom Reitlehrer Lektionstraining auf Knopfdruck verlangt, an Zwischenschritten gemäß der Ausbildungsskala wie Takt und Losgelassenheit möchte man sich bitte nicht zu lange aufhalten. Auch am Erarbeiten des korrekten Sitzes nicht, der wäre ja schon gut. Man kann ja schließlich kein Sitzlongenselfie posten, das wäre peinlich, denn eigentlich ist man ja schon viel weiter und übt an Piaffen, die eigentlich keine sind. Der Trainer nimmt es vermutlich wahr, nur würde er der Schülerin nahe legen am Fundament/ Basis zu arbeiten, damit hohe Lektionen endlich klappen, wäre er seinen Job wohl los.

Daher bedienen viele Reitlehrer diesen Markt auch, denn sie müssen ja auch ihr Geld verdienen. Sie haben längst gemerkt, dass ehrliche Worte, eine gewisse Strenge, ein lauterer Tonfall zum Verdeutlichen und Konsequenz des Gesagten beim Reiter oft nicht gut ankommen. Dazu kommt: Der “normale” Freizeitreiter möchte in seiner Freizeit einen gewissen Unterhaltswert erleben. Leichte Kost zum schnellen Nachmachen, möglichst eine Art Bedienungsanleitung und dazu einen netten Plausch und dazwischen ein kleines Anpiaffieren. Wenn der Trainer dann noch des Schülers Pferd lobt, sei es die Abstammung, Futter- und Trainingszustand, Farbe, Rasse etc. ist die Welt des Reiters in Ordnung.

Nur leider kann man so nicht Reiten lernen. Reiten lernen heisst ein großes Maß an Selbstreflexion und Kritikfähigkeit mitzubringen, die eigenen Befindlichkeiten zurückzustecken und somit einen steinigen Weg zu bestreiten. Eine Arbeit vor allem an sich selbst physisch und psychisch- denn- der Reiter formt ja das Pferd (Udo Bürger). Nicht das anpiaffierte, krupphüpfende Pferd formt den schlechtsitzenden Reiter!

Vielleicht war die Reiterei früher besser, vielleicht weil es mehr authentische Lehrer gab? Weniger Effekthascherei zu Lasten der Pferde? Es wurde aber in jeden Fall mehr geritten. Der normale Freizeitreiter reitet im Schnitt 2-3 mal pro Woche, vielleicht 4 mal. Wie oft davon arbeitet er aber wirklich und gründlich an sich selbst?

Jeder Reiter (sei es im Freizeitreiter- oder Turnierbereich) sollte in sich hineinhören und sich fragen, wie kritikfähig er wirklich ist, wo seine wunden Punkte und Befindlichkeiten beim Reiten und im Umgang mit dem Pferd sind. Ein Reitlehrer wird bezahlt um zu helfen, zu korrigieren, schlechte Angewohnheiten abzugewöhnen, die Sinne des Schülers zu schärfen, sein Bewegungsmuster umzupolen und ja, auch dafür, seinen Schüler aus seiner Komfortzone zu holen. Der authentische Reitlehrer wird nämlich genau das tun. Seinem Schüler aus der sicheren Komfortzone zu holen und ihm seine Schwächen deutlich machen, um genau daran zu arbeiten. Bauchpinselei hat keinen Platz und keine Zeit für denjenigen der lernen will sein Pferd reell zu arbeiten.

Dies ist ein Apell an Reiter (und auch an Trainer): lasst Euch korrigieren, sucht Euch einen ehrlichen und authentischen Reitlehrer und nehmt Kritik nicht persönlich sondern nehmt sie dankbar an, auch wenn das manchmal bedeutet, dass über den eigenen Schatten und Ego gesprungen werden muss. Nur so kann ein Umlernen stattfinden. Stillstand und Bauchpinselei hingegen ist nicht der richtige Weg um Reiten zu lernen. Der Weg zum Zentaur, zum Verschmelzen von Pferd und Mensch, geistig und körperlich, ist ein steiniger Weg und erfordert enorme Selbstreflexion und ein hohes Maß an Körperbeherrschung und ist nicht, wie manche Reitlehrer suggerieren, von jedem eben mal nebenbei zu erlernen. Jeder Reiter kann aber durch gute und intensive Schulung sein Pferd in der Basis ausbilden, dass es ihn gesund tragen kann. Darum lasst Euch zum Wohle Eures Pferdes korrigieren und nehmt den Lernprozess freudig an. Es lohnt sich!

00001270